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Megatrend #16: Resilienz und Risikomanagement

Der Begriff der „Resilienz“ kommt aus der Psychologie und beschreibt die Widerstandsfähigkeit von Menschen gegenüber Lebenskrisen. Dieses Konzept wird zunehmend auf andere Bereiche angewendet, beispielsweise in Form der „Klimaresilienz“ auf Städte und Gemeinden.

Immer mehr Unternehmen, Organisationen und Städte und Gemeinden arbeiten mit dem Ansatz als eine Art „defensive Entwicklungsstrategie“. Sie reagieren damit darauf, dass immer mehr zivilisatorische Systeme Anfälligkeiten zeigen, während zuletzt oft die Abhängigkeit von solchen Systemen anstieg.

Zunehmende Risiken

Beispielhaft ist das Stromversorgungssystem zu nennen. Ohne Elektrizität funktionieren nicht nur (Mobil-)Telefone und Fernseher nicht, sondern meist auch Fahrstühle, Heizungen oder die Wasserversorgung. Auch bargeldlose Zahlungen, Kühlung und PCs kommen bei einem Stromausfall zum Erliegen. Zugleich wird durch die zunehmende Einspeisung aus schwankenden erneuerbaren Energiequellen die Steuerung des Stromnetzes schwieriger. Waren im fossilen Energieversorgungssystem ganz selten stabilisierende Eingriffe der Netzbetreiber notwendig, so wird heute mehrmals am Tag händisch eingegriffen, um Über- und Unterversorgung zu vermeiden. Da die Stromversorgung Grundlage von IT- und Kommunikations-Infrastruktur ist, geht ein BlackOut einher mit Einschränkungen in der Kommunikationsfähigkeit einer Gesellschaft, so dass auch andere wichtige Sub-Systeme der Zivilisation betroffen wären.

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Der VW-Skandal und regionale Resilienz

Zur Erinnerung: Der Autohersteller VW mit Sitz in Wolfsburg hat die Elektronik seiner Motoren so programmiert, dass das Fahrzeug weniger Schadstoffe ausstößt, wenn es von Prüfern geprüft wird, während das Fahrzeug im Alltag mehr Schadstoffe ausstößt und mehr Energie schluckt, als in Prüfsituationen.

Der VW-Skandal hat vielfältig mit meiner Arbeitsweise zu tun:

  • da ist ein Maschinenbauer (Autos sind Maschinen), dessen Produkte Energie, insbesondere Mineralöl brauchen und damit zum Kern-Baustein des Peak-Oil-Risikokomplex in unserer Gesellschaft gehört
  • da ist eine Firma, die IT-Technologie dazu einsetzt, ihre Produkte so zu optimieren, dass sie rechtlichen Rahmenbedingungen genügen, aber Umweltgesichtspunkte nicht nur ignorieren, sondern Umwelt bewusst zusätzlich schädigen - zugunsten des Absatzes der hergestellten Produkte
  • da ist die Stadt Wolfsburg, das Land Niedersachsen und viele andere Akteure rund um eine extrem große Firma, die von Wohl und Wehe dieser Firma extrem abhängig sind

Und nun führt die technische Innovation programmierbarer Motoren dazu, dass VW Betrug vorgeworfen wird. Die Firma muss Geld in die Hand nehmen, um den Betrug bei den bereits verkauften Autos rückgängig zu machen, muss voraussichtlich Schadenersatz zahlen und hat wegen des drohenden Image-Schadens mit Absatzrückgängen zu rechnen. All das führt die Firma in Verluste und eine unsichere Zukunft.

Es mehren sich die Anzeichen, dass das VW-Problem breite Kreise ziehen wird. Da ist einerseits die Stadt Wolfsburg, in der ein großer Teil der Bevölkerung direkt oder indirekt für VW arbeitet und die einen bedeutsamen Teil ihrer Steuereinnahmen aus VW-Erlösen bezieht. Muss VW Leute entlassen oder kann nicht mehr ausreichend Steuern zahlen, wird das die Stadt in große Probleme bringen. Wolfsburg ist aufgrund der hohen Abhängigkeit von einem einzelnen, extrem großen Unternehmen verletzlich; nur wenige wollten diese Verletzlichkeit in den vergangenen Jahren wahrhaben. Eine Haushaltssperre und einen Einstellungsstop hat der Bürgermeister bereits angeordnet.

Doch auch andere Akteure sind betroffen. So berichtet Felix Leitner in seinem Blog von einer Fachhochschule in Niedersachen, die ein Drittel ihrer Drittmittel von VW bezieht und nun erste Projekte wegbrechen. Die hohe Abhängigkeit von diesem einzelnen Unternehmen könnte offenbar dazu führen, dass ganze Fakultäten wegbrechen könnten.

All dies könnte erst der Anfang sein. Der VW-Skandal zeigt, wie verletzlich ganze Kommunen werden können, wenn sie sie zu stark von wenigen großen Unternehmen abhängig machen oder so sehr auf einzelne Branchen setzen, statt auf Vielfalt. Resilienz, also Widerstandsfähigkeit gegenüber Krisen, ist inzwischen sogar Thema der UN-Nachhaltigkeitsziele. Viele Kommunen wären gut beraten, sich die eigene Situation kritisch anzuschauen und ihre Verletzlichkeiten zu prüfen. Für die Autobauerstadt Wolfsburg könnte ein einzelnes Stück Software zur Detroit-Falle werden.

Regiogeld-Vorträge: Mit der IHK in Torgau und auf der fair finance week in Frankfurt

Ich bin eingeladen nach Torgau und Frankfurt, um über Regiogeld zu sprechen. Gäste und Gesprächspartner willkommen:

In Dresden moderiere und begleite ich im November und Januar zahlreiche Veranstaltungen im Rahmen der Zukunftsstadt Dresden.

Zukunftsstadt Dresden

Seit 1. Juli bin ich im Auftrag der Landeshauptstadt Dresden unterwegs, um das Projekt "Zukunftsstadt" zu organisieren. Ziel: Eine gemeinsam erarbeitete, ganzheitliche Vision einer nachhaltigen Stadt Dresden für 2030 und danach zu erarbeiten. Angebunden an Oberbürgermeisterbüro und Amt für Wirtschaftsförderung werden Veranstaltungen organisiert, in denen die Dresdner Visionen erdenken und visualisieren. Schwerpunktmonat ist der Oktober. Neben Dresden arbeiten 50 weitere Städte an Visionen, in Sachsen sind dies Leipzig, Mittweida und Weißwasser.

"Zukunftsstadt" ist ein Städtewettbewerb, den das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) ausgerufen hat. Er ist Teil der strategischen Forschungs- und Innovationsagenda zur Stadt der Zukunft.

Mehr Informationen:

staTTmanifest

Die Stadt ist unser Wohnzimmer. Die Häuser sind die Zimmerwände, an denen wir uns stoßen. Die Straßen die Flure, die uns von Platz zu Platz führen. Dank Müllabfuhr und Kanalisation machen wir nur kleine Restehaufen und jemand anders räumt sie weg.

Der Supermarkt ist uns're Speisekammer. Dort tauschen wir bunte Zettel in Nahrung, Päckchen und allerlei Zeug, mit dem wir unsere Mägen und unsere Keller füllen. Die Parks und Gärten sind wie Balkons, auf die wir treten, um frische Luft zu holen, Kräuter zu ziehen und auf andere Gedanken zu kommen. Das Umland ist unser Garten.

Die Stadt ist unser Marktplatz auf dem wir unsere Talente feilbieten, Gebrauchtes erwerben, Bekannten begegnen, Gerüchte verbreiten und Versammlungen abhalten. Der Stadtrat ist der pater familias. Und Nachbars Kinder nerven auch manchmal.

Die Stadt ist unser Gemeinsames. Unsere Architekten und Bauleute verändern täglich ihr Antlitz, unsere Fahrer chauffieren, uns're Vermieter kassieren, die Erzieher erziehen und unsere Musiker spielen täglich zum Tanz auf. Fast wie Familie.

Die Stadt ist ein Dorf. Sie ist Sprungbrett zum Globus und Teil des globalen Dorfs. Sie ist Höhle und Spielplatz, Transformator und Kochtopf. Fußabdruck der Menschheit. Wenn alle am Stadtrand wohnen, wird die Stadt zum Ring.
Die Stadt ist unser Wohnzimmer.

Auch als Postkarte:

staTTmanifest

inspiriert durch:

Freie Bürger – Freie Forschung

"Citizen Science" läßt sich wohl am passendsten übersetzen mit "Bürgerwissenschaft". Der Wissenschaftstheoretiker Peter Finke veröffentlichte dazu 2014 ein gleichnamiges Buch mit dem Untertitel "Das unterschätzte Wissen der Laien". Heute fand ich mein Autorenexemplar für die Fortsetzung im Briefkasten. Gemeinsam mit 35 anderen Autoren und unter der Herausgeberschaft von Peter Finke entstand "Freie Bürger - Freie Forschung. Die Wissenschaft verläßt den Elfenbeinturm." Mein Beitrag befasst sich - natürlich - mit Wirtschaft. Und ich bin besonders erfreut darüber, gemeinsam mit Michael Beleites, Konrad Lehmann, Gernot Jochum-Müller und (unbekannterweise) padeluun zu einem Buch beitragen zu dürfen, dass die Frage diskutiert: Wieviel Elfenbeinturm hilft, wieviel Wissenschaft darf der freie Bürger und die freie Bürgerin für sich beanspruchen?

Zuerst nehme ich mir jetzt den Beitrag von Peter Plöger vor. Im Kapitel "Im Elfenbeinturm wird es ungemütlich" schreibt er über "Spezialistendämmerung". Zitat:

In einer Zeit, in der immer mehr Menschen sich Sinnfragen zuwenden, haben die Wissenschaften die Frage nach dem Sinn aus den Augen verloren.

Dieburg und Altenkirchen

Zwei Vortragseinladungen führten mich im März in andere Regionen: Nach Dieburg bei Darmstadt wurde ein Vortrag gebeten, den wir angesichts des aktuellen Ölpreisverfalls betitelt hatten mit: Ölpreisabsturz - Alles wieder gut? Ich argumentiere derzeit mit den Risiken, die der niedrige Ölpreis für die Investitionen mit sich bringt: Bei 50 US$ Erlös statt 100 US$ Erlös kürzten diverse Ölkonzerne ihre Investitionsbudgets um Milliarden. Woher soll das Öl der Zukunft kommen, wenn bekannte Felder nicht entwickelt und neue nicht gesucht werden?

Eingeladen hatte der sich derzeit findende Bürger-Energie-Tisch Dieburg. Eine parallel angesetzte Sitzung eines Arbeitskreises der Stadtverwaltung wurde spontan in den Vortragssaal verlegt. So waren auch Stadträte anwesend. Bemerkenswert an Dieburg: Die hohe Zahl an Pendlern und die sich daraus ergebenden Risiken bei Ölpreissprüngen:

pendler_in_dieburg_2014

Pendler in Dieburg: Drei Viertel aller Arbeitenden fahren raus aus der Stadt, nur 17,5% der in der Stadt Arbeitenden wohnen auch in ihr.

 

Nach Altenkirchen im Westerwald lud ein Netzwerk verschiedener Organisationen vor Ort: Das soziokulturelle Zentrum "Felsenkeller", das Gewerbenetzwerk Wiben, der 1-jährige Regionalladen Unikum, die evangelische Landjugendakademie und auch die Stadtverwaltung waren beteiligt. Der bemerkenswerte Regionalladen, der als Umschlagplatz für Produkte lokaler Hersteller und als Vernetzungsort funktioniert, war am Abend gut gefüllt und es wurde angeregt diskutiert. Mein Tenor: Der Gipfel des fossilen Zeitalters nötigt uns Anpassungen ab, diese setzen die regionale Ebene neu in Wert. Bausteine, wie die RegionalWert AG, die Dresdner Verbrauchergemeinschaft oder Regiogeld stellte ich vor. Ob es einen zweiten Versuch mit Regionalgeld nach dem Ende der "Brodeinheit" im Westerwald geben wird, wird sich zeigen.

Regionalladen "Unikum", Altenkirchen im Westerwald

Regionalladen "Unikum", Altenkirchen im Westerwald

Tags drauf kamen ca. 25 Unternehmer, Verwaltungsmitarbeiter und engagierte Bürger zu einem Vormittags-Workshop zusammen, den wir mit einer Analyse von Kaufkraftflüssen in die und aus der Stadt starteten, um dann lokale Fragen in Arbeitsgruppen zu behandeln. Auch wenn keine "exklusive Lösung" für die örtlichen Herausforderungen entstand, schien der moderierte Austausch den Teilnehmern sehr gut zu tun.

Danke an die Organisatoren vor Ort!

Land(auf)Schwung: Workshops zu Alternativen Finanzinstrumenten

Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) will mit einem neuen Modellvorhaben strukturschwache Regionen fördern. Es heißt Land(auf)Schwung. Drei Landkreise aus jedem Bundesland sind eingeladen, Konzepte für sich im Rahmen von Land(auf)Schwung zu erstellen. 15 Millionen Euro stehen zur Verfügung. Auf drei Zusammenkünften von Teilnehmern aus diesen Landkreisen gibt das Ministerium Anregungen, wie die Konzepte gefüllt und ausgearbeitet werden können. Das zweite dieser Treffen in Neudietendorf bei Erfurt behandelte am 18. und 19. Februar "Alternative Finanzinstrumente". Um regionale Strukturen zu entwickeln ist es hilfreich, wenn die Projektumsetzer oder Vernetzer auf vielfältige Finanzwerkzeuge zurückgreifen können.

Auf Einladung des Ingenieurbüro für Planung und Umwelt Erfurt (IPU Erfurt) stellte Sebastian Dürr (Chrosis) Beteiligungsmöglichkeiten als Mitunternehmer (Genossenschaften, Genussscheine) und Christian Rost (Büro für Urbane Zwischenwelten) diskutierte Schenkungen (Sammleraktien, Crowdfunding, Leih- und Schenkgemeinschaften). Diesen projektbezogenen Finanzierungsinstrumenten wurden regionenbezogene Instrumente gegenübergestellt. Josef Bühler von neuland+ diskutierte Themen- und Bürgerstiftungen, Bürgeraktiengesellschaften und (Mikrokredit-)Fonds. In meinen Workshops arbeiteten die Teilnehmer mit der Frage, wie Regionalwährungssysteme und Tauschringe für drängende Problemstellungen in den Regionen angewandt werden können. Dabei wurde vor allem die vernetzende und die kommunikationsauslösende Wirkung dieser Instrumente deutlich, aber auch die Grenzen und die Voraussetzungen für den Einsatz von Regiogeld und Tauschsystemen.

Schönstes Feedback: Es sei kurzweilig gewesen.

Selbst kennengelernt: Marktplatz der guten Geschäfte, Thüringen.

Prof. Frank Kolb: Lernen vom Römischen Reich

Immer mehr Menschen klagen darüber, dass die Europäische Union die regionale Selbständigkeit der einzelnen Staaten, Bundesländer und Städte einschränkt. Wir können aufgrund der Erfahrungen mit dem Römischen Reich sicher nicht die Zukunft Europas vorhersagen und etwa ein Zerbrechen der Europäischen Union prophezeien. Aber wir können Handlungsoptionen aufzeigen. Und eine Option wäre in diesem Fall, den Regionen in Europa eine starke regionale Selbstbestimmung zu garantieren. In der Geschichte hat das gut funktioniert.

Ein Zitat aus SPON-Artikel "Zukunftsforscher vs. Historiker: Zurück in die Gegenwart"

Zur Zukunft der Lausitz nach der Braunkohle

Am 14. September 2013 demonstrierten in Dresden ca. 300 vom Braunkohletagebau Betroffene und Randbetroffene aus dem Lausitzer und dem Leipziger Revier sowie unterstützende Dresdner gegen neue Braunkohletagebaue. Ich wurde gebeten, auf der anschließenden Kundgebung ein paar Gedanken zu äußern, die ich hier dokumentiere:

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In der Sächsischen Zeitung vom vergangenen Samstag war ein Leserbrief von Jens Dubrau aus Hoyerswerda. Er betonte, dass 90% der Lausitzer akzeptieren, dass in der Lausitz Bergbau betrieben wird. Diese Zahl hat eine jüngste Umfrage ergeben, die von der Gewerkschaft für Bergbau, Chemie und Erden in Auftrag gegeben wurde. Die Umfrage hat leider nicht erfragt, wie sich die Lausitzer die Zukunft in ihrer Heimat vorstellen.

Ich habe Zweifel, dass 90% der Lausitzer meinen, dass auch nach 2030 der Bergbau weiterhin die wichtigste Branche in der Lausitz sein soll. In der aktuellen Diskussion wird oft unter den Teppich gekehrt, dass es bei der Entscheidung für Nochten II und andere Tagebaue um Kohle geht, die nach 2030 gebraucht wird. Also in 15 Jahren. Viele der Bergleute und Kraftwerker von heute werden dann in Rente sein. Kämpfen sie also darum, dass auch noch ihre Kinder und Enkel neue Seen in der Lausitz anlegen?

Die Diskussion um die Braunkohle darf sich nicht allein um die Jobs von heute drehen. Sie muss sich um eine Vision für die Region drehen. Die Frage muss lauten: Wie wollen wir 2030 leben? Fühlt sich dann immer noch eine ganze Region abhängig von dem Rohstoff, der bereits seit 1980 an Bedeutung verliert? Heute arbeiten im Lausitzer Maschinenbau mehr Menschen als in den Tagebauen und den Kraftwerken und nochmal so viele arbeiten in der Ernährungswirtschaft. Dass über die Braunkohle mehr diskutiert wird als über den Maschinenbau und die Ernährungswirtschaft zusammen, hat möglicherweise auch damit zu tun, dass wir Land wegbaggern. Land, auf dem Menschen leben.

«Jedes Jahr gehen in Deutschland rund 35 000 Hektar fruchtbares Ackerland verloren», sagt der Rostocker Bodenwissenschaftler Peter Leinweber. 35.000 Hektar. Jedes Jahr. Die Lausitz soll ihren Teil dazu beitragen: 1200 Hektar soll Nochten II kosten. Auf einer Ackerfläche dieser Größe ließen sich so viele Kartoffeln ernten, wie eine halbe Million Dresdner jährlich essen. Überall auf dem Planeten versuchen die Menschen Land zu gewinnen: In Dubai baut man Inseln in den Persischen Golf, Singapur erweitert sein Stadtgebiet ständig ins Meer hinein und in Holland versucht man mit raffiniertem Deichbau das Meer vom Land fern zu halten. Aber wir, hier in Sachsen, vernichten nutzbares Land. Wie werden sich wohl 2030 die großen Städte rund um die Lausitz ernähren? Berlin. Oder Dresden. Wo soll die Biomasse wachsen, die unsere Enkel nach dem Ende der Kohle brauchen werden, um Häuser zu heizen oder Treibstoffe herzustellen? Wir bewegen uns derzeit auf einem Pfad, der unseren Nachkommen die Überlebenschancen mindert.

Hier in Dresden hat der Stadtrat ein Integriertes Energie- und Klimaschutzkonzept beschlossen. Dieses Konzept sieht vor, den Kohlendioxid-Ausstoß so zu verringern, dass ab 2030 1 Million Tonnen weniger ausgestoßen werden als heute. Dresden hat Gründe, dies zu tun. Grund Nummer 1 ist: Dresden will sich unabhängiger von fossilen Energierohstoffen machen. Die Menge an Kohlendioxid, die eine Stadt ausstößt, ist ein Zahl dafür, wie abhängig sie von fossilen Energieträgern ist. Je weniger CO2 emittiert wird, umso unabhängiger. Grund Nummer 2: Das Hochwasser. Die zwei zerstörerischen Hochwasser, die in den vergangenen 10 Jahren durch diese Stadt gerollt sind, haben ihre Ursache in den zunehmenden Temperaturen auf diesem Planeten. 1 Million Tonnen CO2 weniger auszustoßen ist Dresdens Beitrag, einen weiteren Temperaturanstieg zu verhindern. Jedoch verdampft diese 1 Million Tonnen auf einen nahezu unwichtigen Beitrag, wenn man sie mit den Kohlendioxid-Emissionen vergleicht, die allein die Lausitzer Kohlekraftwerke in die Atmosphäre blasen. In der Lausitz werden jährlich 50 Millionen Tonnen CO2 in der Atmosphäre verkippt. Jedes Jahr also 50 mal so viel, wie die Stadt Dresden ab 2030 weniger emittieren will. Das Dresdner Ziel ist lobenswert, es ist aber bezüglich des CO2-Ausstoßes wirkungslos, wenn nicht irgendwo Kohlenstoff im Boden verbleibt. Wenn zwar alle Kommunen sogenannte Klimaschutzkonzepte aufstellen, aber dennoch alle verfügbaren Vorräte aus der Erdkruste gekratzt werden, um sie in Kohlendioxid zu verwandeln, dann kann man sich all diese Konzepte auch sparen. Wenn es wirklich das Ziel sein soll, die Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre zu begrenzen, dann muss Kohlenstoff im Boden verbleiben. Aus Sicht der hochwassergeplagten Dresdner muss also die Frage diskutiert werden: Wäre es nicht sinnvoll, die Lausitz zur ewigen Kohlenstoffsenke zu machen, also zu einem Ort, wo Kohle bewusst nicht gefördert wird?

Ich muss zugeben, ich war einigermaßen überrascht, als ich vor einigen Monaten das erste Mal hörte, dass die Firmen, die die Braunkohle in Sachsen aus der Erde graben, dafür nichts bezahlen müssen. Ich erinnere mich an Meldungen aus aller Welt, wo die Einheimischen darum kämpfen, an der Rohstoffausbeute in ihrer Heimat beteiligt zu werden. Meist kommen solche Meldungen aus der sogenannten „Dritten Welt“, wo Einheimische sich von Großkonzerne über den Tisch gezogen fühlen. Ich war überrascht zu hören, dass der wertvollste Rohstoff Sachsens kostenfrei abgegeben wird. Die jährlich geförderte Kohle hat einen Marktwert von 600 Millionen Euro. Aber außer dass die Lausitzer dabei helfen dürfen, sie aus dem Boden zu holen, wird niemand an den Gewinnen beteiligt. Hinzu kommt, dass Tagebaue und Kohlekraftwerke keine Wassernutzungsgebühren zahlen, obwohl dieser Industriezweig Wasser in Mengen benutzt, gegen die jedes Wasserwerk blass aussieht. Die Wasserkraftwerke in Sachsen wurden Anfang diesen Jahres von der Befreiung der Wassernutzungsgebühren befreit - sie müssen also neuerdings zahlen. Ist es klug, dass wir von solchen Kleinstkraftwerken Gebühren erheben, aber die Großkraftwerke, die die Wasserqualität ja sehr viel stärker verändern, außen vor lassen? Angesichts leerer Kassen beschleichen mich hier Zweifel am wirtschaftlichen Sachverstand der Verantwortlichen.

Wirtschaftlicher Sachverstand wäre, die Kohleförderung und die Kohleverstromung durch Besteuerung so zu verteuern, dass Gewinne abgeschöpft werden, ohne dass die Zahl der Arbeitsplätze zurückgeht. Die eingenommenen Steuern sollten wieder in die Lausitz zurückfließen, um dort einen Strukturwandel zu finanzieren, bei dem Arbeitsplätze in neuen, anderen, zukunftsfähigen Branchen entstehen! So könnte die Kohle den notwendigen Wandel finanzieren, statt ihn zu blockieren.

Das Geld könnte beispielsweise eingesetzt werden, um die Kommunen in der Lausitz energieautark zu machen. Mit Nahwärmenetzen, großen Gas-Speichern, Methanisierungsanlagen und Energieerzeugungsanlagen, die aus erneuerbaren Energiequellen Überschuss-Strom machen, der in Methan umgewandelt wird, um Energie vom Sommer in den Winter zu schaffen. Das wäre ein Unterfangen, das eine Menge Jobs schafft. Es würde die Lausitz zu einer unabhängigen Region machen, die sich aus den weltweiten Kämpfen um die verbleibenden fossilen Rohstoffe raushalten kann. Es gibt in der Lausitz Maschinenbauer, die die nötigen Bausteine für solche lokalen Energieversorgungssysteme konstruieren könnten. Es gibt Baufirmen, die sowas bauen können. Es gibt Hochschulen, die solche Systeme entwickeln, erforschen und begleiten können. Warum so etwas nicht getan wird? Weil der Niedergang der Region nur verwaltet wird, weil Visionen einer lebenswerten Lausitz fehlen.

Ich kenne Menschen, die sind aus der Lausitz in die Schweiz gezogen. Dort gibt es gutbezahlte Jobs. Die Schweiz gilt als so etwas wie das moderne Paradies. Aber wie viele Entscheider aus der Lausitz waren denn mal in der Schweiz, um von dort zu lernen? Die Schweiz hat nichtmal Braunkohle. Daraus kann der Reichtum also nicht gekommen sein. Woher kommt er dann? Und warum konzentrieren wir uns nicht mal eine Zeitlang darauf, mehr gute Ideen in die Lausitz zu importieren, statt Land in Baggerseen zu verwandeln und Braunkohlestrom zu exportieren?

Danke.

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Am Vormittag desselben Tages positionierte sich die Domowina (erneut) gegen die neuen Tagebau-Pläne. Die Domowina ist der Dachverband der Sorben, die in der Lausitz als Minderheit lebend besonders vom Tagebau betroffen sind. Der sächsische Ministerpräsident entstammt einer sorbischen Familie, hat sich von der Position seiner Volksgruppe bislang jedoch nicht beeindrucken lassen. Der Mitteldeutsche Rundfunk verkürzte die Berichterstattung über die Demonstration in Dresden auf 2 Minuten. Obigen Text wollte der leitende Redakteur nicht mitnehmen, die von ihm gesammelten kurzen Statements (siehe Video) reichten ihm für seinen Job. Die Sächsische Zeitung dokumentiert das Ereignis ohne redaktionelle Anwesenheit mit dem Abdruck der Pressemitteilung der Organisatoren.