Eine Buchkritik
"Globale Finanz-, Ressourcen-, Gesellschafts- und Klimakrisen erfordern eine neue, menschliche und wertschätzende Wirtschaftsform" vermerken die Herausgeber auf der Rückseite des Buches, welches sie "Zukunft: Regionalwirtschaft!" genannt und mit dem Zusatz "Ein Plädoyer" versehen haben. Der Zusatz zeigt: Hier wird nicht nur neutral beschrieben und "rein objektiv" beobachtet, hier wird durchaus Partei ergriffen dafür, unser Wirtschaften neu zu denken. Auf 400 Seiten in fast 30 Artikeln und Interviews wird dem Phänomen Regionalwirtschaft nachgegangen. Zu Wort kommen Regionalentwickler und Juristen, Betriebs- und Volkswirtschaftler, Ingenieure und Politiker. Ihre Beleuchtung von Wirtschaft aus einem regionalen Blickwinkel beginnt, wie so oft in diesen Tagen, mit der Krise: "Ein umfassender Wandel ist heute notwendig." Dies unterschreiben wohl immer mehr Menschen, aber Unklarheit herrscht oft darüber, wohin der Wandel führen soll. "Zukunft: Regionalwirtschaft!" zeigt auf, daß einer der erfolgversprechenden Wege mit der Idee der "Region" zusammenhängt.
Das Buch entstand aus den Aktivitäten im österreichischen Vulkanland. Dieser Prozess hat seinen Anfang 1995 in der Kleinregion Feldbach, die 2001 integriert wurde in eben jene Region namens Vulkanland. Der Weg, den dieser Prozess bis heute genommen hat und die Erfahrungen, die die Prozessentwickler sammelten, spiegelt sich in verschiedenen Buch-Beiträgen wider. Über die Auswertung einer Befragung erhält der Leser einen Einblick, wie dieser Weg von den Bewohnern empfunden wird. Wir erfahren auch, daß 2008 die Steirische Gemeindeordnung und die Gesetzliche Raumordnung so angepasst wurden, daß "Region" jetzt als eigenständige Körperschaft gefasst werden kann.
"Stell dir vor, es ist Krise - und keiner geht hin!"
(Zukunft: Regionalwirtschaft!, S. 344)
Der Schwerpunkt des Buches liegt jedoch in jenem Begriff, der im Vulkanland geprägt und bewusst eingesetzt wird: Regionalwirtschaft. Insbesondere im Artikel von Michael Narodoslawsky wird dies deutlich: "Natürliche Ressourcen und Nachhaltigkeit in der Regionalwirtschaft". Wirtschaft auf regionaler Ebene zu denken bedeutet, sich mit Ressourcen ganz anders auseinander zu setzen. Wäre es die Herausforderung, daß Regionen zuerst mit jenen Rohstoffen und jenem natürlichen Kapital haushalten müssen, mit dem sie von Natur aus gesegnet sind, so wird schnell deutlich, daß beispielsweise Erdöl das Privileg einiger weniger Regionen der Welt ist. Und trotzdem ist regionales Wirtschaften machbar, wenn man das einzige dauerhafte Einkommen unseres Planeten auf regionaler Ebene erntet und einsetzt: Sonneneinstrahlung. Narodoslawsky vergleicht die Fläche einer Region mit dem Bankkonto, die Kilowattstunde eingestrahlter Sonnenenergie mit dem Einkommen. Und in der Tat wäre es nachhaltig, wenn jede Region des Planeten mit diesem Einkommen wirtschaften würde, statt sich am fossilen Speicher zu vergreifen. Kombiniert mit Vertrauen der Bewohner, ihrem Wissen und dezentralen Verarbeitungsstrukturen ist regionale Wertschöpfung machbar.
Den Herausgebern ist ein Buch gelungen, welches eine Lücke füllt. Es gibt mit Rob Hopkins "Energiewende-Handbuch" eine Anleitung, wie Transformationsprozesse in Form von transition-town-Initiativen von unten angestoßen werden können. Es gibt von Douthwaite und Diefenbacher mit "Jenseits der Globalisierung" eine Sammlung von Beispielen aus vielen Wirtschaftsbereichen, die sich lokal umsetzen lassen. Aber es gab bislang kein Buch, welches den Prozess des Wirtschafts- und Gesellschaftswandels konsequent aus dem Blickwinkel der Region betrachtet.
"Zukunft: Regionalwirtschaft! Ein Plädoyer." StudienVerlag 2009, Herausgeber: Christian Eigner, Christian Krotschek u.a., ISBN: 987-3-7065-4807-6, bestellbar bei Amazon oder bei jedem lokalen Buchhändler!




